Emotionale Verjährungsfrist

Nicht nur schwere körperliche Erkrankungen, sondern gerade die psychischen Leiden brauchen ihre Zeit. Die ein- oder andere Erkrankung kann sogar ein Leben lang dauern, sei es Asthma oder Schizophrenie (in 60% aller Fälle). Belastende Erfahrungen im Allgemeinen verändern unsere Stimmung, unsere Denke, unsere Wahrnehmung, unser Blick auf das Leben, unser Wesen, manche kurzfristig, manche für immer.

Wie lange dauert das denn?

Die Frage ist: Wie lange darf es dauern? Wie lange darf ich leiden nach dem Tod des Partners? Wie viel Zeit darf ich mir nehmen nach einer Vergewaltigung? Wie schnell muss ich wieder stabil werden, nachdem ich einen Angehörigen durch eine schwere Krankheit begleitet habe? Wann endet die „emotionale Verjährungsfrist“?

Viele Betroffene fühlen sich innerlich gehetzt, das belastende Thema schnell loswerden zu müssen. Sie wollen das auch gerne, aber das klappt halt nicht immer. Aber das Umfeld drängelt.

Früher und heute

Früher: Wer sich als Kind nicht geliebt fühlte, trägt den geringen Selbstwert und diverse Unsicherheiten oft noch Jahrzehnte mich sich herum. Vom Kopf her, Haken dran („Es ist okay, meine Eltern hatten selbst eine schwere Kindheit und sie haben ihr Bestes gegeben.“). Aber das Gefühl, das braucht meist länger („…aber ich habe jeden Abend in meinem Bett geweint. Deshalb habe ich noch heute nachts ein Licht an, damit ich mich nicht so alleine fühle.“). Das ist gesellschaftlich akzeptiert. 

Heute: Aber bei Erwachsenen – und zum Teil auch Jugendlichen – wird erwartet, dass sie ihre Probleme doch bitte zügig in den Griff bekommen. Das ist anstrengend und traurig für den Betroffenen und auch für die nächsten Angehörigen oder Freunde, die auch belastet sind und mitleiden. Da kommen zum Beispiel Fragen zu einer Magersüchtigen, ob sie denn noch immer nicht esse – und zwar nach nur drei Monaten (heute dauert es durchschnittlich 3-5 Jahre, um diese Erkrankung handhaben zu können). Die Ehefrau eines Mannes, der in einer schweren (!) depressiven Episode steckt, wird aufgefordert, doch mal wieder positiv an die Dinge heranzugehen – und zwar noch während der Wartezeit auf einen Klinikplatz.

Apropos Klinik und psychologische Hilfe im Allgemeinen: Es stimmt, je schneller man Hilfe bekommt, desto schneller kommt man aus seinem Thema wieder heraus. Bei den heutigen Wartezeiten auf einen Therapie- oder Klinikplatz, ist es daher kein Wunder, dass das Ausheilen (bis zu Jahre) länger dauert. Zudem hatten wir nun einmal Corona, haben Krieg und eine zerstörte Umwelt…das sind handfeste Faktoren, die Unsicherheiten begünstigen, Ängste verursachen, Vertrauen ins Wanken bringen. UND vor allem dazu beitragen, dass man länger braucht, um zu heilen.

Positiv ist nicht immer positiv

Wir Menschen leben viel nach dem Motto „Höher, schneller, weiter“, aber dies kann nur zur Unzufriedenheit führen. Denn was besagt „höher“? Es ist unkonkret und hat somit auch keine Chance auf Erfolg. Denn es gibt somit immer ein „noch höher“. Leider wird auch mit Belastungen so umgegangen. Die sollen einfach nur weg. Aber wir sollten zuhören, was sie uns sagen, was wir daraus lernen sollen. Und es braucht manchmal einfach Zeit, um zu verstehen. Die emotionale Verjährungsfrist kennt man somit auch erst, wenn die Belastung vorbei ist.

Positiv zu denken, ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber krampfhaft immer nur alles positiv zu sehen…dafür gibt es mittelfristig einen anderen Ausdruck: Smiling depression. Das Leben ist nicht immer schön und andere Menschen sind nicht immer nett. Es tut uns nicht gut, in allem immer nur das Gute zu sehen. Es muss auch okay sein, einfach mal festzustellen, gerade ist es beschissen. Denn, wenn man ganz unten ist, dann erst kann man sich abstoßen und wieder nach oben gelangen.  

Okay ist okay, nicht mehr und nicht weniger

Zu sagen, gerade ist es einfach nicht gut, heißt nicht, dass man alles schlecht findet, heißt auch nicht, dass einem die wenigen Lichtblicke nicht klar sind. So wie jemand, der eine Depression hat, durchaus mal laut lachen darf. Damit ist die Depression leider noch lange nicht weg und alles wieder gut. Und wer etwas isst, der hat seine Magersucht noch lange nicht überwunden. 

Ein weiteres Beispiel: Eine sehr belastete Familie ist in den Urlaub gefahren und beantwortete die Frage danach, wie es war, mit einem neutral gesprochenen „Gut.“. Darauf gab es häufig die Reaktion: „Gut? Also, okay? Nicht so toll?“ oder „Gut? Das ist ja super!“. Warum darf ein „gut“ nicht einfach nur „gut“ sein. Warum reicht es nicht? Warum muss es super sein?

Dies sind alles nur kleine Beispiele, wie mit Belastungssituationen von außen umgegangen wird. Es wird viel zu wenig gefragt und viel zu viel unterstellt. Wer lacht, hat keine Depression mehr. Wer isst, ist gesund. Gut ist super oder blöd. Dabei ist Fragen und Zuhören so eine schöne Sache, eine grandiose Hilfe. Unterstellungen bauen Druck auf und fordern vom Betroffenen Rechtfertigung. Fragen und Zuhören gibt die Chance, dem anderen ein kleines Stück seines Ballasts abzunehmen.

Wann eine Belastung vorbei ist, ist doch ganz individuell, eine Frage der Resilienz. So wie ein Bruch heilt, so heilt auch unsere Seele. Nur wer es selbst erlebt (hat), weiß, wie es sich anfühlt. Andere dürfen sich glücklich schätzen, dies nicht zu wissen. Aber sie können helfen. Durch Fragen. Und Zuhören. 

Fazit

Die emotionale Verjährungsfrist ist so einzigartig wie jedes Leben mit all seinen guten und schlechten Erfahrungen. Nur der Betroffene fühlt. Wir anderen sollten nicht werten. 

Foto: pixabay.de

Emotionale Verjährungsfrist
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