Verzeih ich mir, dass ich dir verzeihen kann?

Gemäß dem Duden ist „verzeihen“ ein „starkes Wort“. Und das stimmt, denn wer verzeiht, ist stark! Solange ich nicht verzeihe, bleibt die Sache unerledigt und spukt durch meinen Kopf. Und dabei bleibt sie nicht nur im Kopf. Der ganze Körper wird betroffen, denn Stress entsteht mit seinen körperlichen Symptomen wie Bluthochdruck, Unruhe, Kopf- und Magenschmerzen bis hin zur Depression. Bleibe ich nachtragend, bedeutet das, dass ich mir das Vergessen nicht erlaube. Lieber verschwende ich Energie und Lebenszeit ins Grübeln. Ich lassen den negativen Gedanken den Vortritt. Wer nicht verzeiht, bestraft sich selbst. Zudem ist Nicht-Verzeihen kein Stillstand, sondern meist eine Steigerung: Aus Nicht-Verzeihen wird Rachsucht, aus Verletztheit wird Aggression, aus Traurigkeit Hass. Aber sind das wirklich die Gefühle, die wir gerne in uns tragen? Da der andere die Rache und die Wut und den Hass nicht adäquat zu spüren bekommt, richtet sich alles Negative nach innen, gegen uns selbst.

Oft wird Verzeihen mit Für-gut-befinden verwechselt. Aber das sind zwei paar Schuhe. Verzeihen heißt akzeptieren, dass passiert ist, was passiert ist. Für-gut-befinden heißt, naja, eben etwas für gut befinden. Das ist etwas anderes.


Warum eigentlich nicht?

Was hält uns also davon ab, dem anderen zu verzeihen? Oft ist es ein Mitschuld-Gefühl, das man sich nicht eingestehen mag oder das Nicht-akzeptieren vom Kratzer am eigenen Bild. Was uns so sehr trifft, damit wollen wir nichts zu tun haben. Dabei macht es viel mehr Sinn, seinen Stolz und seine Angst kurz hinunterzuschlucken, die Augen weit zu öffnen und zu sich ehrlich zu sein. Was genau ist passiert? Und warum ist es passiert? Was war meine Rolle in dieser Situation? War es genau so, wie ich es sehe oder gibt es auch andere Optionen, andere Sichtweisen? Liege ich so unfehlbar und allwissend richtig? Und vor allem: Ist dieser eine Fehler es wert, etwas gegebenenfalls zuvor über lange Zeit gut Gewachsenes aufzugeben? Berechtigt dieser eine Patzer es, den anderen auf ihn zu reduzieren?

Wenn uns jemand auf nur eine Sache reduzieren würde, auf einen einzigen Fehler…fänden wir das fair?

So könnt´s gehen

Wenn man mal nicht rauskommt aus dieser Negativspirale, dann hilft am meisten, es aufzuschreiben. Aufschreiben im Sinne von „auf den Punkt bringen“. Was konkret hat mich so sehr getroffen, dass ich meine, es nicht verzeihen zu können? Es aufzuschreiben hilft bei diesem inneren Prozess, es reinigt, es klärt. All die oben genannten Fragen fließen dann ein in den eigenen Text, den einen Satz, die eine Tat.

Und dann habe ich die Wahl! Ich kann den Vorwurf als Diskussionsgrundlage mit dem anderen nutzen. Oder ich schicke dem anderen den Text, um es einfach (noch) mal gesagt zu haben – aber ohne diskutieren zu wollen, rein um es von sich zum anderen zu geben, ohne Erwartung, so dass ich es danach für mich abhaken kann. Im Idealfall hat sich das ganze Thema beim Schreiben für mich geklärt, dann kann ich es aufheben, um bei neu aufkeimenden Zweifeln, diese im Keim ersticken zu können. Oder ich nehme das Papier und vollziehe ein Ritual, in dem ich es zum Beispiel verbrenne. Und mir dabei erlaube, es anzunehmen und abzuhaken. Abhaken…also verzeihen. Und wenn wir das bei anderen können…dann schaffen wir das ja wohl auch bei uns und unseren kleinen und größeren Macken!  

Verzeih ich mir, dass ich dir verzeihen kann?
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