Psychischer Schleuderkurs in der Lebensmitte

Die Midlife-Crisis ist mehr als nur ein Klischee

Die Midlife-Crisis ist mehr als nur Klischee: In der Lebensmitte leidet mancher an der Seele

Eigentlich hätte Christoph allen Grund zu guter Laune: Er treibt Sport und ist – für Mitte 40 – gesund und fit. Der Arbeitsplatz scheint sicher, das Geld reicht, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und die Ehe scheint besser als bei manchem im Bekanntenkreis. Doch immer öfter fängt er an zu grübeln, ist gereizt oder traurig. Auch das Wetter schlägt ihm auf’s Gemüt – bislang fand er den Herbst eher angenehm. „Das ist die Midlife-Crisis“, denkt Christoph halb ratlos, halb im Scherz – und liegt damit genau richtig.

„Die Midlife-Crisis gibt es wirklich.“, sagt Bettina Köste, Praxis-Inhaberin von „I take care“ in Mainz-Gonsenheim. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie ist Mitglied im VFP, dem größten Berufsverband freier Psychotherapeuten in Deutschland. „Die Midlife-Crisis ist zwar keine psychische Erkrankung oder Störung im engeren Sinne; das heißt aber nicht, dass sie unproblematisch ist.“

Das Phänomen wurde zuerst in den 70er Jahren beschrieben. „Heute ist der Begriff meist mit Klischees behaftet – Sportwagenfahrende Männer oder Frauen mit Affären.“, so Bettina Köste. „Tatsächlich handelt es sich um eine krisenhafte Phase, die aber nicht immer gleich verläuft. Für sich genommen ist die Midlife-Crisis nicht schlimm, sondern sie ist Bestandteil der seelischen Entwicklung des Menschen: Menschen richten ihr Leben – bewusst oder unbewusst – auf Ziele und Lebensträume aus. Und so zwischen 40 und 50 zieht bei vielen das Unterbewusstsein Bilanz: Was habe ich erreicht? Was ist von meinen Träumen geblieben? Und was bleibt mir jetzt noch? Das kann ziemlich anstrengend sein!“

Meist endet der psychische Schleuderkurs mit einer Stärkung der Persönlichkeit. Frau bzw. Mann weiß jetzt klarer, wie man „die zweite Halbzeit“ angehen möchte. Unter Umständen kann die Midlife-Crisis aber auch zum Problem werden: etwa bei einem Hang zu depressiven Verstimmungen oder wenn die Seele vorbelastet ist. Wenn man selbst nicht mehr weiterkommt oder wenn das Umfeld reagiert, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. „Es ist keine gute Idee, die seelische Zwischenbilanz medikamentös wegzudrücken.“, ist Bettina Köste überzeugt. „Es gibt eine Reihe bewährter Methoden, mit denen man sich Klarheit über das eigene Wollen verschaffen kann und die helfen, dass aus der Belastung keine Krise wird.“

Psychischer Schleuderkurs in der Lebensmitte