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So ein Paar Probleme

So ein Paar Probleme
So ein Paar Probleme

Ich werde recht oft gefragt, wie das denn so läuft in einer Paartherapie. Ob das Erfolg habe? Wer denn da so kommt? Ob das Sinn macht? Peinlich ist? Wie lange das dauert?

Also, hier ein Paar, nein, paar Gedanken zum Thema:

Peinlich gibt es nicht. Meist läuft es so ab, dass wir uns in einem ersten Termin zu dritt treffen und gemeinsam schauen, wo das Problem konkret liegt. In dieser Stunde wird möglichst auch gleich das gemeinsame Ziel definiert. Danach hat jeder einen Einzeltermin, um seine persönliche Geschichte zu reflektieren. Und dann geht es los…

Authentizität

Das meines Erachtens Wichtigste: Authentizität! Ein Paar besteht aus zwei Individuen. Ich kann also nur als Paar glücklich sein, wenn auch jeder Einzelne glücklich – im Sinne von authentisch – ist. 
Voraussetzung hierfür ist, um seine Authentizität, die individuellen Wünsche und Ziele, ebenso die eigenen Altlasten, zu wissen. Häufig laufen daher neben der Paar-Therapie auch Einzelgespräche weiter, in denen dann jeder für sich an seinen ganz individuellen Themen arbeitet. Das ist teilweise anstrengend, aber definitiv effektiv, zielführend und motivierend.

Gemeinsames Wachsen

Am meisten Spaß macht eine Paartherapie mit glücklichen Paaren. Oops, denken sich da viele, was will denn ein glückliches Paar mit einer Therapie? Und genau das ist das Geheimnis der glücklichen Paare. Sie sind rechtzeitig bei mir. Sie kommen nicht erst dann, wenn alles schon düster wird, sondern wenn die Sonne noch schön scheint. Es tut dann trotzdem gut, wenn ab und an jemand von außen einen Blick auf die Beziehung wirft. Ist alles wirklich im Lot? Bekommt jeder einen gerechten Anteil? Kann jeder sein, wie er ist? Sind Kompromisse ehrlich geschlossen oder brodelt da etwas in den Tiefen? Kann man als Paar offen über alles sprechen? Haben sich ungünstige Muster eingeschlichen? Neben diesen etwas tiefer gehenden Fragen, sind es auch manchmal Alltagsdinge, die belasten. Wie wird Kinder, Küche und Karriere gelebt? Wer übernimmt was? Wie einigt man sich auf einen Urlaub? Was tun, wenn jemand krank ist? Wer lebt wie welche Freundschaften? Stimmt es auch noch sexuell? Diese „Therapien“ machen richtig Spaß, das Paar kommt voran und zwar als Paar, aber auch jeder für sich. Ein gemeinsames Wachsen.

Der Klassiker

Die klassischen Therapie-Paare sind die, die wohl jeder von uns im Kopf hat: lange Beziehung und leider auch schon lange nicht mehr „so wie früher“. Da gibt es neben zahlreichen Missverständnissen destruktive Muster, die sich eingeschlichen und verfestigt haben, da wird nicht mehr mit- sondern gegeneinander gearbeitet. Jeder ist verletzt und fühlt sich in der misslicheren Lage. Die Gefühle sind noch da oder zumindest der Wunsch nach Rückkehr in gute Zeiten oder hin zu besseren. Bei den meisten dieser Paare kann man klar sagen, dass ein früherer Therapie-Start es einfacher (und kürzer) gemacht hätte. Hier geht es darum, Muster zu erkennen und zu durchbrechen. Wieder zu sich selbst zu finden und zur Liebe für den Partner. Sehen, was der Andere sieht. Mut bekommen. Ehrlich sein. Vertrauen erneuern, Scherben kleben. Manchmal geht das ganz schnell und manchmal bedarf es Zeit. Aber es lohnt sich, denn man hat sich damals doch nicht umsonst verliebt…

Zu spät

Dann gibt es noch die traurige Option. Denn leider wird mir nicht selten im ersten Einzelgespräch von einem der Partner mitgeteilt, dass ihr/sein Entschluss bereits feststeht, sich zu trennen, man nur nicht wisse, wie man das angeht. Kurzum: zu spät! Selbstverständlich begleite ich gerne auch diese Paare, aber dann unter anderem als Trennungsberaterin, als Coach für die Kinder und als Stütze für den verlassenen Part. 

Happy end

Mein schönster Moment? Ein Paar hat in meiner Praxis sein Ehe-Gelübde (2.0 ;-)) erneuert. Da liefen auch bei mir die Tränen…

Verzeih ich mir, dass ich dir verzeihen kann?

Verzeih ich mir, dass ich dir verzeihen kann?
Verzeihen

Gemäß dem Duden ist „verzeihen“ ein „starkes Wort“. Und das stimmt, denn wer verzeiht, ist stark! Solange ich nicht verzeihe, bleibt die Sache unerledigt und spukt durch meinen Kopf. Und dabei bleibt sie nicht nur im Kopf. Der ganze Körper wird betroffen, denn Stress entsteht mit seinen körperlichen Symptomen wie Bluthochdruck, Unruhe, Kopf- und Magenschmerzen bis hin zur Depression. Bleibe ich nachtragend, bedeutet das, dass ich mir das Vergessen nicht erlaube. Lieber verschwende ich Energie und Lebenszeit ins Grübeln. Ich lasse den negativen Gedanken den Vortritt. Wer nicht verzeiht, bestraft sich selbst. Zudem ist Nicht-Verzeihen kein Stillstand, sondern meist eine Steigerung: Aus Nicht-Verzeihen wird Rachsucht, aus Verletztheit wird Aggression, aus Traurigkeit Hass. Aber sind das wirklich die Gefühle, die wir gerne in uns tragen? Da der andere die Rache und die Wut und den Hass nicht adäquat zu spüren bekommt, richtet sich alles Negative nach innen, gegen uns selbst.

Oft wird Verzeihen mit Für-gut-befinden verwechselt. Aber das sind zwei paar Schuhe. Verzeihen heißt akzeptieren, dass passiert ist, was passiert ist. Für-gut-befinden heißt, naja, eben etwas für gut befinden. Das ist etwas anderes.


Warum eigentlich nicht?

Was hält uns also davon ab, dem anderen zu verzeihen? Oft ist es ein Mitschuld-Gefühl, das man sich nicht eingestehen mag oder das Nicht-akzeptieren vom Kratzer am eigenen Bild. Was uns so sehr trifft, damit wollen wir nichts zu tun haben. Dabei macht es viel mehr Sinn, seinen Stolz und seine Angst kurz hinunterzuschlucken, die Augen weit zu öffnen und zu sich ehrlich zu sein. Was genau ist passiert? Und warum ist es passiert? Was war meine Rolle in dieser Situation? War es genau so, wie ich es sehe oder gibt es auch andere Optionen, andere Sichtweisen? Liege ich so unfehlbar und allwissend richtig? Und vor allem: Ist dieser eine Fehler es wert, etwas gegebenenfalls zuvor über lange Zeit gut Gewachsenes aufzugeben? Berechtigt dieser eine Patzer es, den anderen auf ihn zu reduzieren?

Wenn uns jemand auf nur eine Sache reduzieren würde, auf einen einzigen Fehler…fänden wir das fair?

So könnt´s gehen

Wenn man mal nicht rauskommt aus dieser Negativspirale, dann hilft am meisten, es aufzuschreiben. Aufschreiben im Sinne von „auf den Punkt bringen“. Was konkret hat mich so sehr getroffen, dass ich meine, es nicht verzeihen zu können? Es aufzuschreiben hilft bei diesem inneren Prozess, es reinigt, es klärt. All die oben genannten Fragen fließen dann ein in den eigenen Text, den einen Satz, die eine Tat.

Und dann habe ich die Wahl! Ich kann den Vorwurf als Diskussionsgrundlage mit dem anderen nutzen. Oder ich schicke dem anderen den Text, um es einfach (noch) mal gesagt zu haben – aber ohne diskutieren zu wollen, rein um es von sich zum anderen zu geben, ohne Erwartung, so dass ich es danach für mich abhaken kann. Im Idealfall hat sich das ganze Thema beim Schreiben für mich geklärt, dann kann ich es aufheben, um bei neu aufkeimenden Zweifeln, diese im Keim ersticken zu können. Oder ich nehme das Papier und vollziehe ein Ritual, in dem ich es zum Beispiel verbrenne. Und mir dabei erlaube, es anzunehmen und abzuhaken. Abhaken…also verzeihen. Und wenn wir das bei anderen können…dann schaffen wir das ja wohl auch bei uns und unseren kleinen und größeren Macken!