Pubertät

Mehr Beteiligung, bitte!

Mehr Beteiligung, bitte!
Mehr Beteiligung, bitte!

Mit diesem Satz ist Antje Kunstmann aufgewachsen, nun geht es ihren Töchtern so, und sie fragt sich: Warum dürfen stillere Kinder nicht einfach sein, wie sie sind?

Neulich war es mal wieder so weit: „Du könntest dich mehr beteiligen“ stand unter der Rückmeldung zu einem Projekt, das unsere elfjährige Tochter mit ihrer Klasse mehrere Wochen lang bearbeitet hatte. Es ist der Satz, den bereits ich in meiner Schulzeit am häufigsten gehört habe. In jedem Zeugnis stand er, von jedem Elternsprechtag kam meine Mutter damit zurück. Und nun begleitet er mich wieder. Seit unsere älteste Tochter vor über zwölf Jahren in die Schule kam und anschließend Kind zwei, drei, vier, steht er in jedem Zeugnis und wird in jedem Lernentwicklungsgespräch, wie es jetzt heißt, formuliert. Einziger Unterschied zu früher: Wir Eltern müssen die Botschaft von Lehrerin oder Lehrer nicht mehr weitertragen, denn die Kinder sitzen jetzt ja selbst dabei.

Warum das Kind nicht einfach akzeptieren, wie es ist?

Es ist erstaunlich, wie unermüdlich der Wunsch nach mehr mündlicher Beteiligung vorgebracht wird. Und vielleicht sogar bewundernswert, wenn selbst nach Jahren immer noch daran geglaubt wird, dass er erfüllt werden kann. Spricht daraus nicht die feste Überzeugung, dass in jedem Kind noch unentdeckte Potenziale schlummern, die man nur irgendwie herauskitzeln muss? Ich sage Nein. Ein Kind in seiner Persönlichkeit nicht anzuerkennen, sondern zu etwas anderem machen zu wollen, ist pädagogische Selbstüberschätzung.

Es gibt Menschen, die sich gern unglaublich viel mehr mitteilen würden, aber sich nicht trauen, und unter dieser Angst leiden. Das ist nicht schön, und ihnen sollte geholfen werden, nicht zuletzt von Lehrerinnen und Lehrern. Aber davon abgesehen gibt es eben einfach auch stillere Menschen und solche, die mitteilsamer sind. Ob man intro- oder extrovertiert ist, gehört zu den ziemlich stabilen Persönlichkeitseigenschaften. Ich bin eher Ersteres, meine Kinder, so unterschiedlich sie sonst auch sind, ebenfalls – und das ist völlig in Ordnung. Ich möchte, dass sie mit diesem Wissen aufwachsen und nicht ständig hören, sie sollten etwas darstellen, was sie nicht sind.

Eine Klasse voller Franks?

Nicht zuletzt funktioniert eine Klasse, genau wie jede andere Gruppe, schlicht nicht, wenn alle gleichermaßen viel reden. Unsere eine Tochter, Oberstufe, hat einen Jungen in ihrer Klasse, nennen wir ihn Frank. Frank hat zu allem etwas zu sagen; sobald er ausgeredet hat, hebt er schon wieder den Arm. Wenn unsere Tochter Online-Unterricht hat und ich zufällig mithöre, klingt es über lange Strecken wie ein Podcast mit zwei Gesprächspartnern: Lehrer und Frank. Träumen Pädagog*innen wirklich von einer Klasse voller Franks? Schon zwei würden jeden Unterricht sprengen. Eigentlich ist schon einer unerträglich.

Es mag an der sogenannten sozialen Homophilie liegen, daran also, dass man Menschen besonders mag, die einem ähnlich sind, und tatsächlich finde ich Menschen sehr sympathisch, die eher dann reden, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben, und ansonsten zuhören können (eine Fähigkeit, die nicht allen gegeben ist und nicht genug geschätzt werden kann). Um es mal so zu sagen: Leute, die nicht nur viel reden, sondern auch viel Schlaues, kenne ich kaum. Übrigens gehört auch Frank nicht dazu. Quantität und Qualität von Wortbeiträgen verhalten sich generell meist umgekehrt proportional zueinander.

Manchmal habe ich allerdings Bedenken, dass Menschen wie Frank nicht nur jetzt in der Schule bessere Noten bekommen (denn anders als bei mir hat die mündliche Beteiligung heute deutlich mehr Gewicht), sondern es auch später oft einfacher haben werden als meine Töchter. Über die Stärken von Introvertierten gibt es inzwischen viele Studien und Bücher – und auch darüber, dass es für die Stillen gerade in einer lauten und immer lauteren Welt nicht leicht ist, diese auch zu zeigen. Wäre es nicht schön, wenn zumindest die Schule dafür die Bedingungen schafft?

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Brigitte Redaktion:
Quelle: Brigitte 03/2021 / 20.01.2021
Autorin: Antje Kunstmann
Copyright: Gruner + Jahr GmbH
Bildquelle: pixabay.de

Aufbruch in der Pubertät

Aufbruch in der Pubertät

Dass Jugendliche eine ganz eigene Spezies sind, ist ein Fakt. Dass sie sich in ihrem Verhalten ähneln, dabei aber von allen anderen Altersschichten stark abweichen, auch. Vieles zur Pubertät konnte über die Hirnforschung entschlüsselt und somit erklärt werden. Manches bleibt bis heute im Nebel.

Das große Aufräumen

Während der Pubertät vollzieht das Gehirn eine große Aufräumaktion, Stückchen für Stückchen wird es erwachsen. Alles wird betrachtet, überdacht, verworfen oder gefestigt. Das bewirkt z. B. dass Denkprozesse bald schneller ablaufen können. Aber das Aufräumen ist anstrengend, nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Jugendlichen selbst. Da all unser Verhalten, bis auf die Reflexe natürlich, von unserer Hirnstruktur abhängt, provoziert das große Sortieren, dass sich die jungen Menschen auf einmal ganz anders verhalten. Damit müssen die Eltern klarkommen, das Umfeld und vor allen die Betroffenen. Ob die Jugend deshalb so wenig Lust hat, ihre Zimmer in Ordnung zu halten, da sie ja schon 24 h am Tag mit Aufräumen beschäftigt ist? Und damit, klarzukommen, dass auf einmal alles anders ist.

Gar nicht so einfach

Es ist anstrengend, gefallen zu wollen: den Freunden, insbesondere dem anderen Geschlecht, irgendwie auch doch noch den Eltern und vor allem, sich selbst. Kein Wunder, dass dann Dinge reizen, die einen entspannen oder einen Kick geben, die einen ablenken, von dem Gefühl des „nicht Fisch – nicht Fleisch“. Daher auch die Neugier auf zum Teil sogar Verbotenes: Alkohol, Zigaretten, im schlimmsten Fall Drogen, Schule hinterfragen, ach, gleich die ganze Welt. Die wenigsten fühlen sich wohl in ihrer Haut. Ablenkung tut daher gut! Und das heißt halt oft, Shoppen für die Mädels und Computer für die Jungs.

Pubertär oder depressiv?

Wer von uns Erwachsenen möchte tauschen mit dieser Zeit? Jungsein – gerne, aber die Pubertät? Die wenigsten schreien „Ja!“. Die Pubertät ist nicht ohne Grund die Phase im Leben, in der sich die meisten psychischen Störungen zeigen oder entwickeln, so wie Magersucht, Abhängigkeiten, Schizophrenie, Depression.

Gerade Letztgenannte ist sehr schwierig in dem Alter zu erkennen, sie von den üblichen Pubertätsanzeichen zu differenzieren. Die Diagnosekriterien einer Depression lesen sich wie die Beschreibung eines Pubertiers: u.a. gedrückte Stimmung/Freudlosigkeit, verminderter Antrieb/verminderte Aktivität, Müdigkeit/Konzentrationsschwierigkeiten, das Selbstwertgefühl ist im Keller, man fühlt sich ungeliebt und wertlos, Stimmungsschwankungen, Veränderung des Gewichts. Anders ausgedrückt: Die Pubertät kann – salopp gesagt – eine einzige Depression sein!

Was tun?

Wir Eltern von Jugendlichen sollten den Blick nicht verlieren, mehr Verständnis haben, uns einfühlen, erinnern. Nein, sie meinen es nicht böse, sie können nicht anders, als nerven und stinken und manchmal dann wieder so klein sein, dass es einem die Tränen vor Rührung in die Augen treibt. Aufmerksam bleiben und Gespräche anbieten, nicht aufdrängen, das hilft. Einfach da sein!